Sankt Spekulatius

Sankt Spekulatius

Status: Heiliger
Gedenktag: 15. September
Patronat: Patron der Banker, Manager und Oligarchen, der Diebe und Betrüger, der Verschuldeten und Spielsüchtigen, für Rendite, gegen Insolvenz
Attribute: Nadelstreifen-Anzug, goldener Teller auf einer Stange balanciert, AAA-Tattoo an den Fingerknochen, Galgenstrick statt Krawatte
Redensart: „Sankt Spekulatius, Du seist verehrt,
solange sich mein Geld vermehrt.“

ankt Spekulatius gehört zu den Münz- und Scheinheiligen und wird umgangssprachlich auch einfach nur „Piepen-Patron“ genannt. Er ist der Schutzheilige der Banker, Finanzmakler und Manager, der Reichen und Oligarchen, aber auch der Verarmten und Verschuldeten, der Spielsüchtigen, der Diebe, Betrüger und Geldfälscher. Die Finanzstandorte New York, Tokio, London, Frankfurt, Shanghai, Dubai und die Kaiman-Inseln haben Sankt Spekulatius zu ihrem Patron erkoren. Er soll üppige Zinsen, Gehälter und Bonuszahlungen bescheren und Sicherheit bieten vor Kreditklemmen, Rating-Herabstufungen und Insolvenz. Generell bittet man ihn um Hilfe bei allen Arten von Luxusproblemen.

Sankt Spekulatius ist ein sehr polarisierender Heiliger. Er hat sowohl treuergebene Anhänger, die ihm wundersame Geldvermehrung nachsagen, als auch scharfe Kritiker, die ihn blasphemisch einen „Bankster“ schimpfen. Darüber hinaus ist seine Beliebtheit in der Bevölkerung börsenkursbedingten Schwankungen unterworfen, und der Übergang von Gläubigen zu Gläubigern ist fließend.
Er gilt als höchster Kirchenschatzmeister und somit als das geistige Oberhaupt der Vatikanbank. Weltweit bitten ihn Pfarrerinnen und Pfarrer darum, dass ihre Messe mit einer ansehnlichen Kollekte gesegnet sein möge. Auch bei bestimmten Initiationsriten wie der ersten Kontoeröffnung wird des Heiligen stets gedacht. Passend dazu lautet ein ihm zugeschriebenes Credo: „Der Zweck heiligt die Zahlungsmittel.“
Wenn Sankt Spekulatius in Kunstwerken nicht als Finanz-Jongleur dargestellt wird, so sieht man ihn häufig mit einer zum Victory-Zeichen erhobenen Hand. Inzwischen hat sich diese Geste zum Erkennungszeichen seiner besonders frommen Verehrer entwickelt. Diese Anhänger eifern auch sonst seinem Beispiel nach und verbringen zum Beispiel möglichst viel Zeit in Wolkenkratzern, um dadurch dem Himmel näher zu sein.

Der Legende nach war Sankt Spekulatius ein nicht unbedingt ehrenwerter, aber dafür enorm erfolgreicher Investmentbanker, der mit der Zeit immer größere Geschäfte für sein Finanzinstitut tätigte. Die Gewinnausschüttungen erschienen bei ihm so sicher wie das Amen in der Kirche. Nach vielen Jahren im Bankgewerbe vollzog er dann plötzlich eine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Diese war allerdings nicht religiös motiviert, denn zum christlichen Glauben hatte er schon viel früher gefunden, ohne sich dabei grundlegend zu ändern (Ganz seiner wirtschaftlichen Natur entsprechend, hatte er sich damals von der berühmten Pascalschen Wette überzeugen lassen, nach der es gewinnbringender sei, an Gott zu glauben als Atheist zu sein).
Sein innerer Wandel wurde wohl eher durch eine ganz banale, aber folgenschwere Mid-Life-Crisis im Urlaub ausgelöst. Als Sankt Spekulatius aus der Distanz anfing, am Sinn seiner Tätigkeit zu zweifeln, muss er allmählich doch Skrupel bekommen haben. Er begann sich und seinen Kollegen unbequeme Fragen zu stellen und wurde dabei immer hartnäckiger. Er entwickelte Konzepte, um das Finanzsystem ethischer zu gestalten, und trieb gesamt-gesellschaftliche Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen voran. Als er sich nicht weiter vertrösten ließ und ankündigte, mit seinen Ansichten an die Öffentlichkeit zu gehen, galt er seinen Vorgesetzten nicht mehr nur als Störenfried, sondern auch als Nestbeschmutzer. Tragischerweise wurde zur gleichen Zeit aufgedeckt, dass Sankt Spekulatius eigenmächtig mit riesigen Summen fremden Geldes spekuliert haben soll und Verluste in Milliardenhöhe zu verantworten habe. Bevor man ihn festnehmen konnte, stürzte er am 15. September 2008 aus dem Fester seines Büros im 97. Stockwerk. Offiziell heißt es, dass es Freitod gewesen sei.

Das Todesdatum des Heiligen markiert gleichzeitig auch den Höhepunkt der damaligen Finanzkrise. Am selben Tag beantragte Lehman Brothers, eine der größten amerikanischen Investmentbanken, Insolvenz. Sankt Spekulatius wird von einer verschworenen Sympathisanten-Gruppe, den sogenannten Kervielisten, als ein Antiheld gefeiert wird, der sich gegen sein eigenes System gewandt hat, um es von innen heraus zu reformieren. Doch ein Großteil seiner Anhänger bewundert ihn nach wie vor als ehemals brillianten und gewinnbringenden Geschäftsmann, was sich auch in folgendem Gebetsspruch widerspiegelt:
„Sankt Spekulatius, Du seist verehrt,
solange sich mein Geld vermehrt.“